CRISPR/Cas auf dem Europäischen Gerichtshof

Verfahren zur Änderung des Erbguts stehen schon seit langem im Fokus der Wissenschaft und Öffentlichkeit. Ende Juli wurde nun vom Europäischen Gerichtshof das mit Spannung erwartete Urteil über die rechtliche Einordnung von Genome Editing Verfahren gefällt: Organismen, die durch Mutagenese entstanden sind, müssen künftig als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) behandelt werden.

 

Unter dieses Gesetz fallen somit auch Organismen, die durch CRISPR/Cas entstanden sind. Dieses Verfahren ist ein Meilenstein in der Geschichte des Genom-Editings. Mit dem molekularbiologischen Werkzeug, ursprünglich als Abwehrmechanismus von Bakterien gegen Viren entdeckt, kann das Erbgut an einer gewünschten Stelle exakt geschnitten werden und Gene ausschalten oder verändern. Das Tool, die „Genschere“, besteht aus einer bestimmten genetische Basenabfolge, der Sonde CRISPR (Clustered regularly interspaced short palindromic repeats), und einem Enzym Cas, das DNA schneidet. Die Sonde wird mit dem passenden biologischen Code für ein gewünschtes Gen ausgestattet. Sobald in der DNA in der Zelle dieses gesuchte Gen mithilfe der Sonde gefunden ist, lässt sich mit der „Gen-Schere“ anexakt dieser Stelle einen präzisen Schnitt setzen, also das Gen ausschalten, oder die DNA anschließend „umschreiben“, also eine gezielte Änderung in der Basenabfolge einführen.

 

Das Verfahren wurde 2012 erstmals von der französischen Biochemikerin Emmanuelle Charpentier und ihrer US-Kollegin Jennifer Doudna beschrieben. Es ermöglicht eine Anwendung zur gezielten Veränderung von Nutzpflanzen und auch im Bereich der medizinischen Forschung, z. B. bei der Krebsentstehung. Auch genetische Erbkrankheiten wie Zystische Fibrose könnten damit behandelt werden, wenn es gelingt die fehlerhaften Genabschnitte präzise auszuschalten. Durch Entfernung der Genome von Krankheitserregern könnten chronische Infektionskrankheiten wie Malaria und HIV behandelt werden. Bei all den aussichtsreichen Perspektiven ist das Verfahren jedoch umstritten, da bereits eine geringe Fehlerrate fatale Folgen wie unkontrolliertes Zellwachstum haben kann. Auch können durch eine gezielte Veränderung von Keimzellen mit CRISPR/Cas eingebrachte Mutationen an Nachkommen weitergegeben werden, was ethische Aspekte bedeutet.

 

Gentechnisch veränderte Organismen finden im Allgemeinen in der Öffentlichkeit wenig Akzeptanz. Die Einordnung als GVO stößt auf große Kritik in den Branchen der Biotechnologie und Pflanzenwissenschaften. Dabei können ihnen zufolge mit den neuen Verfahren Organismen gezielt so verändert werden, wie sie auch natürlicherweise vorkommen könnten. Darüber hinaus seien die neuen Methoden zur Veränderung des Erbguts – verglichen mit bereits eingesetzten Mutagenese-Verfahren mittels Chemikalien oder ionisierender Strahlung – äußerst genau und zielgerichtet. Zuletzt genannte Verfahren bleiben jedoch weiterhin von der GVO Richtlinie ausgenommen.

 

Mutagenese ist die artifizielle Erzeugung punktueller Änderungen im Genom eines biologischen Organismus, die auch ohne Eingriffe durch den Menschen entstehen, z. B. durch Sonnenlicht. Mutationen bringen neue Eigenschaften hervor, daher werden sie seit Jahrzehnten in der Pflanzenzüchtung erwirkt – durch radioaktive Strahlung und chemische Substanzen. Man nennt diese Mutationen ungerichtet, weil man die Stellen im Erbgut, an denen die zahllosen Mutationen entstanden sind, nicht kennt. Die neuen Gentechniken hingegen können eine erwünschte Mutation direkt und gezielt im Erbgut erzeugen.

 

Sicher ist, dass viele Mutanten natürlich entstehen können. Und weiterhin ist wünschenswert, viele Mutationen auszuschließen und Krankheiten, von Krebs bis zu Erbleiden, zielgerichtet entgegentreten zu können. Dabei muss Genom-Editierung im Menschen sicher und ohne Risiken sein. In der molekularen Pflanzenzüchtung ist das Verfahren dann sicher, wenn nur diejenigen Pflanzen verwendet werden, die genau die gewünschte Mutation tragen.

 

All diese Aspekte zeigen, dass Genom-Editierung wissenschaftlich fundierte klare Richtlinien braucht. Die Folgen des Urteils, sowie die Methoden und deren Chancen und Risiken bieten prall gefüllten Diskussionsstoff.